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Tag "DR17de"

***Am Anfang war das Radio ***

Einige sagen, im Inneren hätte sich etwas bewegt, sie sagen, der brodelnde Erdkern hätte ein Ei ausgerülpst, und dass dieses zart-spröde Ei zerbrach, um einen Wurm ans Licht zu bringen – die zweifache Schlange in eins gewunden – und dieser schlängelnd in den Boden entlassen, habe alle Elemente durchdrungen bis hin zum Äther, tiefgrabend und emporstrebend zur gleichen Zeit. (Einige sagen aber, es sei umgekehrt gewesen).
Doch die Sonne und die Felsen und die Sterne wissen, dass es auch schon davor Radio gab, und der Atommüll wird (neben anderen Dingen) noch unseren (nicht-menschlichen) Nachfahren davon künden, dass Radio dann immer noch ist, selbst dann.

Der letzte Tag des Festivals sah das Studio nach draußen in den Garten umziehen, die Zehen in der Erde, die Stimmen in der Luft. Das Tagesthema war dreiteilig: Verlangsamung, Nachdenken über Materialitäten, die Vorstellungskraft anwenden.

Radio geht uns voraus und überdauert uns. Und eignet sich für das Imaginäre, weil es sich auch noch über unsere wildesten Vorstellungen hinaus ausdehnt. Eingedenk solcher Zeiträume sind wir gezwungen, über das hinaus zu denken, was wir wissen, gewusst haben und vielleicht wissen könnten. Es ist eine wunderbare Gelegenheit für das, was Donna Haraway „spekulatives Fabulieren“ nennt (das mit dem radiosendenden DNA-Wurm habe ich erfunden).

Am verlockendsten an diesem sogenannten Anthropozän finde ich die seltsame und zugleich ironische Wirkung, die es auf uns Menschen ausübt, indem es uns über uns hinaus denken lässt, über unsere Zeit und unseren Raum hinaus hin zu der Materie innerhalb und außerhalb unseres Planeten und seiner Umgebung.  Es drängt uns weiter zu denken, wenn irgend möglich über unsere Körperlichkeit hinweg hin zu einer Materialität des Immateriellen. Im Radiogarten: eine Materialität der Frequenzen.

Indem wir uns dem Garten zuwenden, werden wir der unsichtbaren Übermittlung von Information gewahr, die zwischen Pflanzen, zwischen Insekten, zwischen Menschen, zwischen lebenden Zellen, Molekülen, Bakterien passiert, in allen diesen und in jeglicher Kombination untereinander und unaufhörlich. Zuweilen müssen wir uns verlangsamen, um Details zu bemerken, um uns zu konzentrieren, zu fokussieren, zu grübeln. Um uns zu entschleunigen. Um der Geschwindigkeit und dem Zwang entgegenzuarbeiten, mit denen menschliches Bestreben auf die Erde einwirkt.

Einige sagen, die Erfahrung des Sterbens sei zwiefältig: Die Zeit verlangsamt sich während die Bilder im Geiste vorbeirasen. An dieser Stelle möchte ich einen Bilderbogen des letzten Tages von Datscha Radio17 einfügen, der langsam zu lesen ist:

  • ein Text über die Interaktion elementarer Strömungen, die in einer Brise enthaltenden Codes des Universum, gelesen zu Aufnahmen aus einem Windkanal
  • Gespräche darüber, wie man weiterlebt, wie die Saat der persönlichen Essenz nach dem Tode sich verstreut, und wie sie plötzlich an unerwarteten Orten erneut zu wachsen beginnt;
  • ein Lauschen auf Details unserer unmittelbaren Umgebung in Anbetracht unser ganz persönlichen Empfindungen
  • ein Eintauchen unserer Köpfe unter Wasser, um zu hören, was die Sirenen zu sagen haben
  • Singen, spontan, zusammen
  • Gespräche mit Pflanzen über ihr Wurzelkommunikationssystem und das Wissen ihrer Vorfahren
  • Eine achtsame, achtsame Gartenschau um Musik aus Luft und Wasser zu machen
  • Das Staunen über die unendliche Menge an Erdinsekten und der seismischen Vibrationen
  • Ein an die Grenzen bringen unserer Sinne um den Duft der Lüfte zu riechen

Aber lassen wir uns dies nicht als ein Ende betrachten, sondern als ein Schritt in Richtung winterliche Erneuerung. Dieses Jahr sah eine reiche und gute Ernte im Datscha-Garten, und dieser Katalog ist nur eine seiner vielen Früchte. Andere – äthergeborene – haben sich bereits als elektromagnetische Wellen in alle Elemente zerstreut oder bilden mit anderen Überbleibseln Kompost und neue Nährstoffe heran, um sie untereinander zu teilen und den Boden anzureichern. Bei den richtigen Temperaturen werden sie erneut zum Vorschein kommen.

***Am Ende wird es immer noch Radio geben.***

Translation: Gabi Schaffner

 

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Text: Rafik Will

Radio machen und Radio hören, Arbeit im Garten und Erholung im Garten – was kommt bei einer Kombination dieser Komponenten zum „Radiogärtnern“ heraus? Dieser Frage widmete sich die temporäre Sendestation Datscha Radio. Im Sommer 2017 blühte sie am Stadtrand von Berlin für fünf Tage wieder auf. Eines wurde dabei klar: die kraftvolle Symbiose sprengte den Rahmen, den Radio und Garten jeweils für sich haben.

Kein schallisoliertes Sendestudio in einem pförtnerbewachten Prachtbau fand man hier vor, sondern eine gemütliche Datscha, die das Mikro nicht nur für geladene Gäste, sondern auch für Überraschungsbesucher öffnete. Und das waren nicht nur internationale Klangartisten oder Nachbarn aus der Gartensiedlung, sondern auch die singfreudigen Vögel aus der Gegend und mitunter sogar Pflanzen. Denn auch Kartoffeln oder Pfingstrosen können sich äußern. Nicht über Sprache, aber über andere, elektrische oder duftende Wege. Kommunikation mal anders.

Ein wenig fühlte man sich bei diesen wundersamen  Entdeckungen an die „Pherinfon”-Netze aus Dietmar Daths Science-Fiction-Roman „Die Abschaffung der Arten“ erinnert, in dem die Nachfahren der Menschen sich über ein Informationssystem auf dem Laufenden halten, das auf speziell designten Duftmolekülen basiert. Die Gente können bei Dath einfach erschnuppern, was gerade so abgeht. Und die Pflanzenwelt setzt diese Science-Fiction heute schon um! Ist Datscha Radio17  also auch als futuristische Übersetzungsmaschine für die Verständigung mit der Pflanzenwelt zu sehen, die für einen Durchbruch in den Mainstream ihrer Zeit einfach zu weit voraus ist? Warum nicht!

Kommunikation war ein wichtiges Stichwort beim gesamten Datscha Radio. Denn hier ging es nicht nur darum, möglichst viele Personen für das eigene Programm zu interessieren. Auch die kommunikative Interaktion mit dem eigenen Publikum sowie mit dem eigenen Produktionsort, dem Biotop des Gartens, spielten eine wesentliche Rolle. Was die gesellschaftliche Rolle des Gartens heute ist und künftig sein kann, auch dies wurde in verschiedenen Diskussionsrunden lebhaft erörtert.

Aber auch als akustische Galerie gab Datscha Radio eine hervorragende Figur ab. Wer zu Besuch in diese offene Gartengesellschaft kam, konnte Lyriklesungen unterm honiggelben Mond lauschen, Livekonzerten mit Grillenbegleitung beiwohnen oder die verschiedenen, beinahe vom ganzen Globus übermittelten Gastbeiträge bei einem Glas Apfelwein auf sich wirken lassen.

Fazit: Das Konzept „Radiogärtnern“ überzeugt. Der Garten wird von der abgeschotteten Parzelle, in der ein Alleinherrscher über Wohl und Weh der Pflanzen entscheidet zu einer echten Begegnungsstätte für diverse Lebensformen. Eine solche Politik der offenen Grenzen ist praktisch gelebte Utopie in Zeiten zunehmender Abschottungstendenzen und ein echter Lichtblick. Und das Radio wird vom Einbahnstraßen-Medium zur beteiligungsgeprägten Medienplattform. Sogar das Hören selbst wird bei Datscha Radio17  nicht wie sonst beim Hörfunk nur am Frühstückstisch in den eigenen vier Wänden vollzogen oder im Auto. Also entweder alleine oder in der vertrauten, aber geschlossenen Gesellschaft von Familie, Freunden oder Bekannten. Beispielhaft dafür stehen gartenbasierte Hörergruppen, die sich an verschiedenen Orten zusammenfanden.

Nur ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Die kurze fünftägige Blühdauer von Datscha Radio17. Aber wie eine Staude, die nach dem Blühen überwintert, wird bestimmt auch Datscha Radio in einem kommenden Sommer wieder seine Blüten treiben und als seltenes Gewächs die Radiolandschaft erhellen.

 

 

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Hans KellettDer neuseeländische Künstler Hans Kellett streifte täglich durch die umliegenden Gärten und entlang des Berliner Mauerpfads, um das Gespräch mit den Menschen vor Ort zu suchen. So erblühte eine Serie von Poemen,
die natürlich auch ihren Weg ins Radio fanden.

Hier sind zwei davon…

 

LOW-MAINTANANCE BORDERS

 

I’m tending my parents‘ grave
 here in the Rosenthal Cemetery
 and I’m trimming the hedge.
 I think you have to do it twice a year
 I do it in spring and late summer
 I don’t know if that’s the right way to do it, but it suits me that way.
 It’s not raining, and it had to be done,
 so I thought I’d do it today
 I’ve been doing this for ten years
 since my parents died
 two-thousand-and-one
 or… yeah…
 two-thousand… um… nine.
 Since then.
 It’s like my little garden,
 because I don’t have any other garden.
 And it’s big for a grave –
 a double grave two by two metres,
 not just a little spot for an urn.
 There’s a bit to be done.
 I decide spontaneously what to plant, and how
 I wanted something taller, that offered some shade
 So I chose this Japanese Maple,
 a little one
 a couple of roses
 and the rest more ground cover.
 I like the maple: it has such a beautiful colour, its reddish leaves.
 My mother chose this spot when my father died
 they – so to speak – reserved a double
 so they are both buried here now.

But it’s a beautiful little cemetary
 and there is a tawny owl up in the church
 you can see it even in the day.
 He observes everything
 he’s always been there, I think
 as long as…
 I don’t know how old they get
 if that’s already the next generation.
 When I trim the hedge,
 it should just be a bit straighter
 afterwards…
 a bit shorter, a bit narrower
 otherwise…
 usually you’d use a string –
 stretch it along the sides
 so you have the same height all around
 and go by that
 but it’s not such a big hedge
 what is it?
 thirty centimetres?
 or twenty-five?
 It’ll be enough if I measure it by eye…
 Then Ines and I walk round to see
 The tawny owl in the chapel wall – it’s one of three
 To me it looks first like a loaf of wholemeal bread
 perched in a niche, til two slit eyes turn bread to head
 And Jörg’s eyes are both opened now
 He asks his phone, and tells us how
 tawny’s been crowned ‘Bird of the Year’
 A cloud moves on,
 the sky’s trimmed clear.

GARDENING ON SANDY SOIL

The Spree shifts
casting drifts of
fine sand,
scattering its broad banks
with silica seeds.

And Lisa loves dill,
so she hopes that it will grow
in the sandy soil
of her city satellite.
She was fire and flame for a garden.

But Prussian sand
is stronger-willed
than April
stronger
in its multitude of grains
than dill can deal with.

In the centre 
of the sparsely-grassed lawn
a stand of tree.

Its name means
‘Tree of Life’
and yet
it is eternal uninvited guest
at burials.

Cypressaceae –
its sap
can stop
your planting plans.

You can’t compost it.

Members of its family
hang around like paparazzi
like oglers at a car crash,
the bouncers at 
Böcklin’s Hotel California.  

This sand, though
is more giving
than the chalky cliffs
of The Isle of the Dead.

It whispered to Lisa
of Old Frites
and so they came,
the end of season staple -
pink, and white,
and glossy with butter.

Now she’s not planting,
but shaping,
shifting the soil into a
productive patchwork

Tonight
there’ll be a barbeque
and soon
she’ll harvest her herbs.
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Text: Niki Matita

Der vierte der schönen Augusttage in Rosenthal schmierte uns Honig ums Maul und schiss uns auf den Kopf. Es zwitscherte, tirilierte, summte und brummte im Äther. Wir widmeten uns der Fauna, insbesondere Bienen und Vögeln, die auch für die meisten Einsendungen des Open Calls die prototypischen Gartengeräuschquellen darzustellen schienen. Doch auch Schnecken und andere Kreaturen wurden beschallt, Geister befragt und vergessene Exzentriker vorgestellt.

Stadtluft macht frei, wussten schon die Bremer Stadtmusikanten, und vielen Wildtieren, die sich mehr und mehr aus Feldern und Wäldern in die Städte fliehen, mag es ähnlich gehen. Ungestört von Landmaschinen und Pestiziden können sie in Häuserfluchten und Schrebergärten brüten, balzen, nisten und reichlich, obschon oft artungerechte, Nahrung finden.

Kommt ein Vogel geflogen/Setzt sich nieder auf meine *Antenne*. Amsel, Drossel, Fink und Star sind unsere nächsten Nachbarn, bewohnen auch im Datscha-Garten kostenlose Pachthöhlen und Nistkästen. Hörspielautorin Antje Vowinckel brachte mit “Kuckucke gucken” einen Beitrag zu selbigen Brutparasiten mit, der die Arbeit des englischen Hobbyornithologen und manischen Eiersammlers Edgar „Cuckoo“ Chance würdigte.  

Der Gesang der FlugartistInnen hatte es der südamerikanischen Künstlerin Suetszu besonders angetan, die sich in ihrer Turntableperformance Flightmaster’s Whistle mit ornithoakustischen Feldaufnahmen beschäftigte und diese musikalisch zu einem federleichten Zwitschersoundtrack verwob. Die Musikerin und schamanische Heilpraktikerin Zelda Panda nahm Kontakt zu den Tiergeistern im Datscha-Garten auf, schaute Falken und wurde zu später Stunde leider von distanzlosen Mücken und Bremsen heimgesucht, auf die sie besonders attraktiv wirkte.

Kehre heim mit reicher Hab/Bau uns manche volle Wabe/summ, summ, summ!/Bienchen summ herum! Manche mögen einwenden, das geschehe nicht freiwillig und sei daher ein räuberischer, brutmörderischer Akt; andere stellen ihren persönlichen Genuss am Produkt über die Ausbeutung der Kreatur und delektieren ihren Gaumen am Wabengold von Honigbienen. Dominik Jentzsch und Caroline Schaminet stellten in der “Diskussion am Mittag” das Projekt „Berlin summt“ vor, welches besonders bienenfreundliche Gärten auszeichnet und über die Apinae informiert. Dabei liegt der Fokus nicht allein auf der Imkereiverwertung, sondern auch auf Wildbienen, Hummeln und Hornissen, die ebenso maßgeblich für die Bestäubung von Nutz- und Zierpflanzen verantwortlich zeichnen und unser aller vegetabilisches Nahrungsangebot erst möglich machen. Wie wusste schon Inox Kapell? Insektenarbeit ist Millionen wert!

Himmel und Erde müssen vergeh’n/aber die Musici, aber die Musici/aber die Musici bleiben besteh’n. In Bauchlage begab sich der Klangkünstler Marek Brandt für seine Musik für Nacktschnecken, einer eigens für Datscha Radio17 geschaffenen Komposition seiner Langzeitreihe Musik für Tiere, für die er vorab das Hörvermögen und den musikalischen Geschmack der zu beschallenden Spezies erkundet und dann standortspezifisch in Klang umsetzt. Die Adressatinnen seiner Tonsetzung fanden sich entsprechend amüsierfreudig auf den Tieftönern ein.

Ein Livekonzert in traditioneller Besetzung mit Stimme und Gitarre gab Junge Haut aus Hamburg, die perfekte Tafelmusik zum indonesischen Gado Gado, welches am langen Tisch kredenzt wurde und Datscha-Team und Gäste ins schwärmerische Schlemmen brachte und für die letzte Nacht des Festivals stärkte

 

 

 

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Text: Verena Kuni | Niki Matita

plants&empire/ArchieArchive (M. Langeer-Philippsen)

Wenn unter dem Pflaster der Strand wuchert, was wuchert dann unter dem Rasen und den Beeten? Vielleicht sind es die Urwälder einer Zukunft, die nicht mehr unsere sein wird. Denn die haben wir möglicherweise bereits verspielt. Sicher: in unseren Gärten träumen wir nach wie vor vom Paradies. Einen Ort, der keinen Sündenfall kennt: Blühende Landschaften, die uns über den rücksichtslosen Raubbau an allen nur denkbaren Ressourcen hinwegtäuschen; grüne Kleinode, die uns vorgaukeln, dass wir die verlorene Vielfalt jederzeit wieder hervorzaubern können; Gemeinschaftsgärten, in denen wir jene Sorge um das Soziale vortäuschen, von der wir im Alltag sonst nichts wissen wollen. Hier malen wir uns die schönsten Bilder, stellen sie aus und uns hinein. Der Baum der Erkenntnis ist allerdings längst gefällt – als Ausgleichsmaßnahme haben wir ein Arboretum gepflanzt, in dem wir jederzeit nachlesen können. Früher musste man weite Reisen in Kauf nehmen, wollte man es besuchen, um sein Wissen zu mehren. Heute fliegen wir wohin auch immer, um unter dem Vorschein des Kosmopolitismus und auf Kosten des Klimas unseren Urlaub zu genießen – während wir uns dank unserer Informations- und Kommunikationstechnologien sicher wähnen, dass uns alles notwendige Weltwissen und damit die Welt mit einem Wisch jederzeit und überall offensteht. Allerdings eben nur virtuell. Was es für manche umso romantischer erscheinen lässt, mit den eigenen Händen tatsächlich in echtem Dreck wühlen zu dürfen – vorausgesetzt, es handelt sich dabei um die heimische Scholle und nicht um Mülldeponien mit Computerschrott.

Aber was, wenn letztere inzwischen die eigentlichen Gärten unserer Natur wären: die stinkenden, toten Beete der Technologie, die wir täglich so eifrig bestellen? Immerhin zählen Gärten seit je zu jenen Orten, in deren Gestaltung sich nicht nur abbildet, wie der Mensch “Natur” als etwas erträumt, das er beherrschen kann. Seit jeher sind Gärten auch Techno-Natur-Kulturen im eigentlichen Wortsinn, was sich in den unterschiedlichsten Aspekten ihrer Konzeption, Anlage und ihrer Nutzung widerspiegelt. Über Jahrhunderte hinweg haben Menschen ein denkbar breites Spektrum an Werkzeugen und Techniken entwickelt, die darauf ausgerichtet sind, direkt an und mit lebenden Organismen zu operieren. So auch für das Gärtnern: Ob es nun um die Aufbereitung des Bodens geht oder um die Kontrolle des Wachstums, der Ausbreitung und des (Über-)Lebens von Arten – die Vernichtung vorhandener und die Züchtung neuer Lebewesen eingeschlossen.

Und nun, da wir zunehmend mit den Folgen unseres von Egoismus, Gier und einem rational kaum mehr begründbaren Fortschrittsglauben geleiteten Umwelthandelns konfrontiert werden, sollen es die Gärten richten: Als Biotope und Refugien der verschwindenden Vielfalt, als Erfahrungsräume und Lernorte, die sensibilisieren und Wissen vermitteln von etwas, das längst verloren ist. Dem haben wir in unserem Radio-Garten nachgelauscht, die Antennen in den Beeten auf Empfang.

[Auszug aus: ECHO (DER GARTEN, DANACH)] Verena Kuni

Zwischen Kunst und Naturwissenschaft sind die Arbeiten von Kat Austen angelegt, die von ihrer künstlerisch-akustischen Forschung in einer Weltgegend berichtete, die wohl die wenigsten mit Natur und Gärten in Verbindung bringen: sie brachte in der Arktis Wasserproben zum Klingen – und zur allgemeinen Freude wurden auch Flüssigkeiten im Datscha-Garten auf ihre Klangqualität untersucht. “Archie Archive” ist das Alter Ego des Radiokünstlers Marold Langer-Philippsen, der sich, unter der Kiefer des Gartens experimentierend sein ganz eigenes Biotop im Datscha-Garten schuf: eine Sprechtrance und mäanderndes Selbstgespräch, dessen Ausgang für Publikum und Künstler gleichermaßen überraschend war. Einen anderen Zugang zum Biotop des Gartens präsentierte die Radiomacherin Christina Ertl-Shirley mit ihrem Projekt “plants and empire”, welches die von Pflanzen generierten Klänge mittels Elektronik für das menschliche Ohr übersetzte.

Niki Matita

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Text: Gabi Schaffner

Concrete pig4Datscha Radio: Courtesy Karl Heinz Jeron

„Merde – C’est une belle chose“ – die radiophone Eröffnung des zweiten Radiotags beginnt mit einem Zitat Alfred Jarrys und einer Kontemplation dieser besonderen Masse seitens der Künstlerin Kerry Morrison. Ihr Text „Body Garden Experiments“ schildert den interkontinentalen Transport von Samen. Der Körper als Katalyst für Vermehrung und Verbreitung, Transport und Evolution: „Der ,Abfall‘ meines Körpers war eindeutig nicht nur Abfall. Er trug Fruchtbares in sich.“

Datscha Radio17s „Neue Symbiosen“ nahmen in ihrer Verbindung von Essen, Biologie, Radio(machen), Ökologie und Experiment den ganzen Tag über neue Gestalt an. So taucht im Nachsinnen über seine Essenz der Gedanke auf, ob ein Radiotag nicht auch als Körper betrachtet werden kann. An diesem lang gestrecktem, teils gewundenen, teils durchscheinendem Körper, der sich über Radiowellen in den Garten und die Welt ausbreitet, gibt es Öffnungen und Auswüchse, es gibt schüsselförmige Kuhlen, in denen Tomaten neben Fischen lagern und mit Leuchtdioden versehene Tentakel, die verschiedenste Signale abstrahlen. Dieser Körper ist nicht menschlich und er ist nicht Garten. Er ist keine Züchtung – natürlich nicht – und er ist kein System. Vier Beispiele aus unserem symbiotischen Sendekörper müssen genügen, um ein Streiflicht auf die Ereignisse des Tages zu werfen.

Raymond Brouwers von Urban Street Forest erreicht die Datscha gerade rechtzeitig zu „Carte Verte“. Es sollte uns doch klar sein, sagt Raymond, dass unser (westlicher) Lebensstil Landschaften anderswo aufzehrt, ihnen Wasser, Energie und Ressourcen nimmt. In einer Verknüpfung von vertikaler Städtebegrünung und Wiederaufforstungsinitiative wird für jeden gepflanzten Baum ein weiterer in von akuter Wüstenbildung bedrohten Gebieten gepflanzt. Seine „One Tour Tree Forest“-Tour wird ihn diesen Winter durch ganz Europa führen, wo er neue Begrünungsobjekte ausspähen wird.

Das Zuhause der Symbiose ist der Zwischenraum. Dort wohnt sie, hier baut sie ihre Verbindungen auf: Zwischen den Gebäuden der Stadt, zwischen den Kontinenten, zwischen dem Materiellen und dem Immateriellen, zwischen Mensch und Maschine. In ihren semiopaken Tiefen, versteckt in den leuchtenden Falten ihrer Existenz vereinen sich Frage und Antwort, Irrtum, Wunder und Tatsache. Was könnten Wissen und Lernen in der Zukunft bedeuten?

Unser Radiokörper nimmt nach kurzem Zögern und dem Versuch eine Motte zu imitieren die Gestalt von Orchideenblüten an. In „Hidden Elements: reciprocal knowledges” von Shanti Suki Osman und Kate Donovan bilden sich zirkuläre, von „Wows“ unterbrochene Gesprächswirbel über die Kommunikation nicht-menschlicher Gartenbewohner heraus: Es gibt Orchideenarten, die den Leib weiblicher Wespen als Blüte nachbilden um den entsprechenden Befruchtungspartner anzulocken. Andere wiederum sind in der Lage einen Klang zu erzeugen, der der Frequenz potenzieller Beuteinsekten ähnelt…

Einige Stunden später:
Aus dem Griff eines Messers windet sich ein dünnes schwarzes Kabel, das im undurchschaubaren Gewirr auf dem Tisch zu einem Keyboard und diversen Schaltern führt. Kaisa Justkas „Singing Kitchen“-Performance führt Essbesteck und Zubehör, Musik und Elektronik zu stets neu improvisierten Klanglandschaften zusammen.

Neue Symbiosen: Erfordern sie Vorstellungskraft, brauchen sie ihre Erfindung oder könnte es genügen, Vorhandenes in immer wieder neue Schwingungen zu übersetzen? Ist nicht das Radio selbst ein symbiotischer Quell der Kommunikation und des „Weltempfangs“? Gegen Ende des Tages öffnen sich die Kanäle des Datscha Radio-Körpers für ein Frühstück am anderen Ende der Welt. Wir senden und senden nicht: Sophea Lerners „Saturday Night Breakfast“ aus Sydney wird über unseren Server übertragen, während wir im nächtlichen Garten die Reste des Tomatensalats aufzehren und lauschen. Neue Saaten für Kopf und Körper!

 

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Text: Shanti Suki Osman

Es war eine gewichtige Entscheidung, Datscha Radio17 mit den Hidden Stories Singers zu eröffnen, die eine aktualisierte Version eines Suffragetten-Liedes und „We Say No“ von Gerri Gribi (1991) a cappella vortrugen. Indem sie gängige heteronormative Bildlichkeiten durch trans-inklusive und intersektionelle Szenarien ersetzten, kultivierten sie bewusst Biodiversität und schufen ihr einen Raum – im Garten, in unseren Geschichten und als grundlegende Struktur unserer kommenden Radiosendungen.

Der Datscha-Garten als Hort für historische wie auch lokale Politika wurde an diesem Tag beispielhaft durch das breite Spektrum von Gästen und Mitwirkenden repräsentiert und begann mit der zweistündigen „Diskussion am Mittag“ zur Zukunft der örtlichen Gärten der „Einigkeit e. V.“ Doch es gibt Aspekte des „politischen Gärtnerns“, die zumeist dem gewöhnlich weißen, westlichen und männlichem Blick entgehen.

Die Sendung „Hidden Garden Stories“ stellte „Die Gärtnerei“ vor, einen Stadtgarten und Treffpunkt in Berlin-Neukölln, wo Neuankömmlinge und Leute aus der Nachbarschaft zusammenkommen, um buchstäblich etwas Neues zu schaffen. Umgeben von Polizeisirenen und Flugzeuggeräuschen erläuterten die Gründer*innen ihren Plan, das Gelände, das in unmittelbarer Nähe eines Friedhofs liegt, wieder in ein Land der Lebenden zu verwandeln.

Aber wie bringen wir diese unterschiedlichen Arten von Wissen zusammen und wie das Ganze zum Funktionieren? In „Der Garten der Komponisten“ hörten wir, wie Nathalie Anguezomo Mba Bikoro für ihr Projekt „Hydra Plantation Radio“ Schwingungen von spezifischen Pflanzen in Klänge umwandelt. Diese Pflanzen, die einst von den Kolonisatoren nach Deutschland gebracht wurden, wo sie als Kulisse für die rassistischen „Menschenzoos“ dienten, haben überlebt. Sie pflanzten sich durch Fremdbestäubung fort und passten sich ihrer Umgebung an. Wie die importierten Menschen, die eben noch als Exponate dienten, wurden die Pflanzen verteufelt und als Bedrohung angesehen. Aus Sicht der afrikanischen Frauen, so Nathalie, wandelten sich die Pflanzen zu Zeugnissen des Menschenraubes. Als „lebendiges Archiv“ ermöglichen sie uns einen anderen Zugang als Museen; sie machen etwas Unsichtbares sichtbar.

Auch Jessica Lauren Elizabeth Taylor stellte ihr Projekt „Mutter Erde“ in den „Hidden Garden Stories“ vor. Darin spürt sie den matriarchalen Ahnenlinien, Vorfahren und Erinnerungen nach. Da sie über die Mutter ihrer Mutter kaum etwas wusste, lud sie andere schwarze Femmes ein, ihre Familiengeschichten zu erforschen, zu archivieren und neu zu erzählen, an dem einzigen Ort, von dem sie wusste, dass er von Bedeutung für ihre Matriarchinnen war, die alle einen grünen Daumen hatten: im Garten. Hier – wie auch bei Nathalies Pflanzen und der Community der Gärtnerei – liegt ein unbekanntes, undokumentiertes Trauma zu Grunde. Trotz des Summens der Bienen und des Kratzens der Schaufel herrscht eine Stille – und diese verschiedenen Gärten wollen einen Raum dafür schaffen, dass ihre Geschichten endlich gehört werden.

Datscha Radio17’s erster Tag erforschte noch weitere zeitgenössische Garten(historien) wie Dirk Hülstrunks onomatopoetischen Schwarz-Weiß-Garten oder die Geheimnisse des Landschafts- und des Barockgartens, von denen Katrin Schröder sprach. Und wieder stieg Erzähltes, das wohl eingebettet in der Vergangenheit schlummerte, auf in die obersten Schichten der Erde..

Der Garten ist der geeignete Ort, um Zukunft aus Vorstellungen der Vergangenheit wachsen zu lassen. Berlin ringt mit seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Rechtsruck bezeugt die offensichtliche Amnesie gewisser Wähler*innen dieses Landes – während seine an den Rand gedrängten Communities auf ihr jeweiliges kulturelles Erbe und ihre Vergangenheit(en) zurückgreifen, um daraus Kraft und Perspektiven für die Zukunft zu schöpfen. Wo sonst als im Garten können reale Erfahrungen hörbar gemacht und zugleich vor möglichem Schaden bewahrt werden?

Übersetzung: Gabi Schaffner, Helen Thein

 

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Text: Gabi Schaffner

Wenn wir den Kopf in den Nacken legen, um den Himmel zu betrachten, tun wir dies verschiedener Gründe wegen. Sterne zählen, das Blau durchdringen, den Wolken entgegen träumen. Gärtner und Gärtnerinnen hingegen schauen gern nach dem Wetter. In den Aktionen und Passionen der Wetterprognosen schwingt zugleich der Traum einer verlässlich vorhersagbaren Zukunft mit. Warum auch nicht: Die Welt besteht aus Schwingungen. Und also auch aus Radio…

Unter dem Motto „Plots & Prophecies – Parzellenprognosen“ sendete Datscha Radio vom 25. – 29. August 2017 24 Stunden täglich direkt aus einem Berliner Schrebergarten in die Welt. Der Prozess des Radiomachens – sonst eher eine verborgene Angelegenheit – wurde im Wintergarten der Datscha im wahrsten Sinn des Wortes transparent und lud zur Teilnahme ein. Kreativ, interdisziplinär und offen für alle verwandelte Datscha Radio17 die Privatesse des Schrebergartens in einen öffentlichen Kunst- und Kommunikationsort. Entsprechend der Dauer des Festivals konzentrierte sich der Blick der Radiomacherinnen, Künstler*innen und Gäste auf fünf Themenbereiche:

Der Garten als ein Hort politischer und territorialer Beziehungen war Kernpunkt des Eröffnungstags. Die Historie der Gartenkultur(en) und ihre Verknüpfung mit Metaphern der Macht und des Körpers wurden im Datscha-Garten von der ersten Minute an neu aufgelegt – mit dem Chor der “Hidden Stories Singers”.
Die „Neuen Symbiosen“ des zweiten Tags widmeten sich neben aktuellen Fragen zu nachhaltiger Lebensmittelproduktion und ökologischer Start-ups selbstverständlich auch der Gartenküche… und deren zwittriger Verbindung zu Konzert und Performance.
Wie werden unsere Lebenswelten in der vollendeten Zukunft aussehen? „Biotop in Futur II“ kombinierte Wissenschaft, Performance und Kunst zu einem „radio-aktiven“ Kaleidoskop, das lang nach Sonnenuntergang noch letzte sanfte Farben sprühte.
Den vierten Tag widmeten Künstler*innen, Gäste und das Datscha-Team den „Bienen und Vögeln“, – angefangen mit den aktuellen Entwicklungen urbanen Gärtnerns in Berlin über Kuckuck-Insiderwissen bis hin zu Live-Musik für das ansässige Schneckenvolk.
Der letzte Tag des Festivals blieb der dunklen Materie vorbehalten: Dem Boden, der Entschleunigung, dem Eintauchen ins Unbekannte und somit auch dem imaginären Garten.
So wie sich Radiowellen nach allen Seiten zugleich ausbreiten, war auch das Spektrum von Datscha Radio17 ein über konventionelle Formate und Formen hinaus Schwingendes. Mehr als 40 internationale Klanggärtner*innen und Radiomacher*Innen beteiligten sich über unseren Open Call am Programm und der „International Garden Radio Listening Club“ lud die Zuhörer*innen weltweit zum parallelen Lauschen und Feiern ein.

Also wuchsen die Radio-Tage aus sich heraus; es gab Parallelen, Spiegelungen, Fortsetzungen, Unvorhergesehenes, Konstanten und Mysterien. Der neuseeländische Künstler Hans Kellet etwa, der als Gartenpoet in den umliegenden Gärten konstant Gespräche führte, die er anschließend in Gedichte verwandelte. Als echtes Mysterium mag hingegen die dreitägliche Übertragung der „Greenhouse Emissions“ gelten, einer erstmals von Ryan McFadyen und Kate Donovan vorgestellten Pflanzensprachübersetzungsmaschine.

Während unserer Arbeit im Treibhaus der Pläne und Prognosen verwandelte sich die „Techné“ des Radios zusehends in organische Kommunikation. Die Zukunft, liegt sie nicht eher in den Schwingungen des Jetzt und seiner Materialitäten? Im Durchstreifen des (Radio)Gartens begannen sich Tag für Tag neue Blickwinkel zu erschließen. Selten erlaubten sie den Blick auf „das Ganze“, vielmehr führten sie auf ausgesuchte Wege und Pfade… wie nicht zuletzt auch diese Publikation.

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